“Felder meiner Begegnungen”

Felder der Begegnung VI_2015

Felder der Begegnung V_2015
Fotografische Bildreproduktion: Igor Tilmann, Thomas Beier

 

Meine Tagebücher über das Erlebte aus den Reisen haben mich im Nachgang des Reflektierens animiert einen Zusammenhang in meiner Kunst zu finden.

Bei den vielen Auslandsaufenthalten war es immer meine offene Neugier auf die emotionale Annäherung vor Ort mit Menschen, Architektur, Wildnis oder “Unsichtbarem”. Wie haben mich die Eindrücke beeinflusst, wenn ich jeweils länger mit den dortigen Menschen gelebt habe, die mich eben genau dem Unsichtbaren näher gebracht haben? Was hat mich berührt? Wie schon gesagt, es gab Emotionales vor Ort, aber erst mit dem Abstand und in Reflexion des Erlebten fand ich die Essenz, die ich in meine Kunst übertragen habe.

Wo ich durch dunkle Gebiete des Kongo und Indien gereist bin, mich auf asiatischen und europäischen Inseln bewegte, mit Nomaden die Wüste Thar in Indien und die der Sahara durchquerte, es war das vermeintlich Fremde des Moments, welches ich in mir aufgesogen habe. Die intensiven Aufenthalte in Afrika, Asien und Mexiko beeinflussten mich sehr, nicht nur in direkter Folge, sondern es wurde ein Teil meines Wesens, die sich so in meinen Arbeiten thematisierte.

Wie konnte und kann ich so viele unterschiedliche Eindrücke in der Kunst wiedergeben? Welche Materialien kann ich verwenden, um meine Quintessenz der Emotionen für den Betrachter erleben zu lassen?

Die Wahl der Materialien, mit denen ich meine Erinnerung lebendig werden lassen konnte, hatte ich zum großen Teil direkt vor Ort gefunden und das Glück diese sofort genau da verarbeiten zu können. Einige Serien, die ich dann in meinem heimischen Atelier weiter entwickelt habe, haben dort ihren Ursprung gefunden.

Das von Menschenhand Erbaute in der Architektur, von Behausungen und Orten mit besonderer Nutzung, wie Tempel und Plätze verschiedenster Glaubensrichtungen und die der Wissenschaft, ist ein Teil meiner Genese in die für Sie erlebbaren Kunstwerke. Weiter geht es mit der Entwicklung und Nutzung von Materialien aus der Erde und der Entwicklung moderner Kompositionen für die Umsetzung kreativer Gedanken und Ideen in meiner Kunst.

Die Art und Weise die vorhandenen Elemente zu nutzen, zu bewältigen und zu schützen, beeindruckten mich schon als junger Mensch. Ebenso flechte ich faszinierende Konstruktionen unterschiedlichster Art über die Architektur hinaus, wie die der Philosophie und Mathematik, thematisiert mit ein. Beeindruckend fand ich die Entdeckung der binären Symbiose von der “0” und der “1”. Im übertragenen Sinne ist es einerseits ein „Nichts” und dennoch ein Art „Tor“, durch das man bis in die Unendlichkeit hindurchsehen kann. Diese Symbiose ermöglicht es der modernen Forschung, mittels Computer Thesen zu berechnen, zu belegen und neugierig weiter zu gehen. In all diesen Ebenen ergeben sich auch Bilder einer Mehrdimensionalität, die mich von jeher bewegen und veranlassten mir neue Techniken zu erarbeiten, um diese Dimensionen in meiner Kunst einzufangen und sichtbar zu machen.

Eine Serie zum Thema “Schutzzeichen”, welche ich durch Überlagerung transparenter “Kunststoffhäute” geschaffen hatte, wurde vor einigen Jahren im Frauenmuseum Bonn mit dem Titel “Dach und Schiff” ausgestellt. Sie zeigen Symbole, die ich in Indonesien fand und im Kontext meiner Arbeit eingebunden habe.

Daraus folgten verschiedenste Installationen, zu der ich das Material PVC als Basis verwendete. Es folgten Ausstellungen, in denen ich das Thema “Haut” mit diesem Material intensivierte. In der DASA, der “Deutschen Arbeitsschutzausstellung” in Dortmund, interpretierte ich die Schutz-Tätowierungen Afrikas, sowie Male aus Verletzungen ihrer Körper, ihrer Seele und dem unmittelbarem Lebensumfeld.

Eine Ausstellung im “Fridericianum” in Kassel hatte eine ähnliche Ausrichtung. So unterstützt die Wahl des jeweiligen Materials zur Thematik die Aussagen in meiner Arbeiten.

Diverse Einladungen nach Athen und Delphi haben mich tiefer in die Welt der Elemente hineintauchen lassen. Ich näherte mich der Darstellung der unterschiedlichen Elemente, die nach Pythagoras definierte, dreidimensionale, mathematische Körper zugeordnet bekamen. In einem Diskurs mit Wissenschaftlern des Fraunhofer-Instituts erhielt ich den Auftrag diese auf meine Weise darzustellen. Hierzu nahm ich auch das von den Griechen als „Äther” bereits ernannte fünfte Element zu den uns bekannten vier Elementen auf. Zu diesem Thema „Äther“ habe ich aktuell eine weitere Serie geschaffen – dazu mehr am Ende dieses Textes. Ich habe die geometrischen Körper, den entsprechenden Elementen zugeordnet, in Beton gegossen. Diese wurden einzelnen Installationen zugestellt, die ein bestimmtes Element darstellten. Jedem dieser Elemente habe ich im Laufe meiner Tätigkeit als Künstlerin besondere Techniken zugedacht. Es reizte mich sehr die physische Dreidimensionalität in einer zweidimensionalen Ebene einzubinden. Die Lentikulartechnik, eine 3-D Technik, erlaubte mir nicht nur die Momentaufnahme eines Objektes einzufangen, sondern diese Technik geht darüber hinaus. So zu sehen in einer großformatigen Fotoserie von Wasserhähnen, in der das lebendige Fließen von Wasser sichtbar ist. So sind die Fotos eben nicht statisch, sondern geben einen Zeitabschnitt wieder, der den Betrachter anregt, sich an die dazu passenden Geräusche zu erinnern. Dazu entstand eine Installation mit eben diesen Wasserhähnen, denn das für uns bekannte und gewohnte Geräusch von fließendem Wasser findet man leider nicht überall in der Welt. An jenen Orten ist es eine Frage des Überlebens und der Abhängigkeiten im Machtgefüge zwischen den Menschen. Es ist eine Installation aus „Wasserhahn“ und darunter gestellten Eimern aus recyceltem Autoreifen, die jeweils mit einer bedruckten Betonplatte gefüllt sind. Das Druckmotiv zeigt einen ausgetrockneten Boden und symbolisiert die Gegenden der Erde, in denen das Wasser Mangelware ist und die Nähe zum Tod bedeutet. Es ist mein Mahnmal an die Ungerechtigkeit der Machtgefüge diktatorischer Länder, wo die Macht über Wasser die Entwicklung von Leben und Kreativität beeinflusst.

Eben in diesen trockenen Gegenden ist die Hitze allgegenwärtig. Sie verformt und verändert die Umwelt und ist auch oft ein Auslöser von Bränden, die die Materialien in Form und Oberfläche verändern – bis hin zur Auflösung in Rauch und Asche. Diese Bilder inspirierten mich das Element „Feuer“ zu einem Thema meiner Kunst zu machen. Ich habe „Feuer“ den verschiedensten Ausbrüchen von Vulkanen gewidmet.

Es gab für mich nur ein allseits bekanntes Material, das ich in seiner Rohform hierfür einsetzen konnte. Es ist der Rohkautschuk in Bahnen, den ich in den drei verfügbaren Farben verwenden konnte. Der Farbton „Creme“ wurde durch Kreide erzeugt, die Farbe „Rot“ mit Eisenoxyd und die bekannteste Farbe „Schwarz“ entsteht mit der Beigabe von Russ. Durch einen glücklichen Umstand konnte ich für einige Zeit in einem Entwicklungslabor für Gummiprodukte den Vulkanisierofen nutzen.

In dieser Einrichtung experimentierte ich, wie die Umsetzung meiner Ideen, mit dieser auf der Welt noch nie dagewesenen und einmaligen Art und Weise, ermöglicht werden konnte. Da weder im industriellen Sinne, noch in der Kunst vorher Vergleichbares versucht wurde, so war es einer der spannendsten Abschnitte meines Lebens als kreative Künstlerin hier Ungeahntes entstehen zu lassen. Mittels Kollagen aus den vorgeschnittenen Formen setzte ich die farbigen Kautschukelemente zu Bildern zusammen. Unter 200 bar Druck und 160 Grad Celsius Hitze wurden dann diese Kollagen zwischen Eisenplatten zu Gummimatten verpresst und vulkanisiert. Jedes Mal, wenn der Ofen geöffnet wurde, waren das Team im Labor, und besonders ich, sehr neugierig was dann tatsächlich entstanden ist. Die vorher strengen Kanten und Formen wurden quasi verflüssigt, grenzten sich aber dennoch so deutlich ab, dass die gewollte Komposition erhalten blieb. Natürlich gab es anfangs eine Menge Ausschuss, bevor ich die richtige Zusammensetzung herausbekam. Da diese Zusammensetzung auch für das Laborteam etwas ganz Neues gewesen ist, wurde die Neugierde über die „Gummikünstlerin“ immer größer. Und es gab auch dann oft wunderbare und faszinierte Hilfsbereitschaft bis in die Nacht hinein, wo die Hitze und die Geräusche des Ofens uns den Ergebnissen entgegenfiebern ließ. Darüber hinaus war es noch spannender, wenn sich das Kunstwerk erst durch die Zeit entwickelte. Das war der Effekt des „Russwanderns“ im Gefüge des Kautschuks. Hinter dem hellen Gummi hatte ich vor dem Vulkanisieren schwarzes Material fixiert, wo dann im Laufe von einigen Wochen ein Teil des Russes den hellen Gummi braun färbte, also ein Prozess, wie bei einem Vulkan eben, bei dem Lavaüberlagerungen im Laufe der Zeit entweder teilweise begrünt, oder durch Einlagerung von Asche im Abkühlungsprozess heller wurden.

Veröffentlichungen über die „Kautschuk-Kunst“ machte die größten Firmen in diesem Sektor neugierig und es wurden einige „Vulkan“-Bilder und Objekte für die Kunstsammlungen der Firmen Continental und Lanxess erworben.

In der Folge der Widmung der Vulkane wurde die „Erde“, als Synonym für Landschaften, ein weiteres Thema mit dem Namen „Terra Nova“. Hier habe ich plastische Landschaften in Stahl gedengelt und geformt, um dann durch unterschiedliche Färbungen fremde Territorien entstehen zu lassen. Mal erscheinen sie kahl und trocken, dann wieder feucht mit austretendem Nebel und von Wolkenfeldern überlagert. Diese Wolkenfelder habe ich aus einer davor schwebenden Acrylplatte herausgeschliffen. So sind nur Teile der Landschaft mehr oder weniger abgedeckt. Der Betrachter hat hier die Möglichkeit sich gedanklich durch verschiedene Ebenen dieser skulpturhaften Oberfläche zu nähern. Es wird zu einer mehrdimensionalen Erkundung eines noch unbekannten Territoriums eingeladen.

In den Welten und im Hier und Jetzt ist das Element „Luft“ allgegenwärtig. Luft beinhaltet den für uns lebenswichtigen Sauerstoff, bedeutet aber auch für die Erde eine schützende Hülle. Da ich bereits diverse transparente Materialien in meiner Kunst verwendet habe, schuf ich mit eben diesem Material eigene Räume im Raum. Einen Solchen habe ich anlässlich einer Einladung eines Museums in Mexiko erstellt. Hier begrenzten meine bearbeiteten Folien die Luft in dem Raum. Inhaltlich zeigten diese hintereinander montierten Ebenen die Geburt eines Körpers, der ins Leben tritt. Eine weitere Installation habe ich in einem Bankgebäude in Frankfurt im Atrium aufgestellt. Es kombiniert die erkennbaren Symbole für das Element Wasser, welches sinkt, und die der Luft, die komplementär steigt. Diese Folien habe ich in ein roh belassenes Stahlrahmengerüst mit gebogenem Grundriss eingehängt. Die beiden gegenläufigen Bögen schaffen mit den unterschiedlichen Lichtreflektionen auf den so geformten Folien eine besondere Spannung.

Wie oben schon erwähnt, habe ich meine aktuelle Arbeit dem Ursprung allen Lebens gewidmet. Im Besonderen dem „Äther“ als Bestandteil unseres Universums, beziehungsweise als Medium für die „Dunkle Materie“ und der „Dunklen Energie“. Bis heute gibt es nur Theorien in der Kosmologie, aber diese Kombination scheint zwingend notwendig für die Erklärung unseres Universums. Dadurch, dass allgemein Äther nicht sichtbar ist, aber als Medium fungiert, möchte ich die Auswirkungen der „Dunklen Energie“ auf einerseits die „Dunkle Materie“ und andererseits auf die für uns erkennbare „Baryonischen Materie“ in meiner Kunst darstellen und sichtbar machen.

Meine These: „Ein Bild entspricht dann der Wirklichkeit, wenn auch das Unwirkliche darin seinen Platz hat“

 

Eva Ohlow, 23.11.2015

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